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Gedankenraum #3

Was trägst du noch mit dir herum?

Wie bei mir mit der Zeit mehr Gelassenheit eingekehrt ist.
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Es gibt eine Geschichte von zwei Mönchen, die ich sehr mag. Für mich erzählt sie auf ganz einfache Weise etwas darüber, wie lange wir manche Dinge mit uns herumtragen – obwohl die eigentliche Situation längst vorbei ist.

Die beiden Mönche sind gemeinsam unterwegs und kommen an einen Fluss. Am Ufer steht eine Frau, die den Fluss nicht überqueren kann. Einer der Mönche nimmt sie auf den Arm, trägt sie auf die andere Seite und setzt sie dort wieder ab.

Eigentlich dürfen die Mönche Frauen nicht berühren.

Die beiden gehen weiter. Eine Stunde vergeht, dann noch eine. Irgendwann hält es der andere Mönch nicht mehr aus und fragt seinen Begleiter, wie er die Frau einfach auf den Arm nehmen konnte.

Der antwortet sinngemäß:

„Ich habe die Frau vor Stunden am Fluss abgesetzt. Warum trägst du sie immer noch mit dir herum?“

Ich mag diese Geschichte, weil sie etwas beschreibt, das wir wahrscheinlich alle kennen.

Etwas passiert. Jemand sagt etwas, das uns ärgert. Ein Gespräch läuft anders als erwartet. Jemand verhält sich uns gegenüber unfreundlich oder unfair.

Die Situation selbst dauert vielleicht nur ein paar Minuten.

In unserem Kopf kann sie Stunden dauern.

Wir denken darüber nach. Führen das Gespräch noch einmal. Überlegen, was wir besser hätten sagen können. Erzählen zu Hause davon und regen uns beim Erzählen gleich noch einmal auf.

Manchmal beschäftigt uns so etwas sogar noch Tage später.

Und irgendwann habe ich angefangen, mich zu fragen, warum ich einem anderen Menschen so viel Raum in meinem eigenen Leben geben sollte.

Wie viel Macht möchte ich anderen geben?

Dieser Gedanke gehört schon einen Großteil meines Lebens zu meiner inneren Haltung:

Ich möchte anderen Menschen nicht die Macht darüber geben, wie ich mich fühle.

Natürlich gelingt mir das nicht immer.

Auch ich ärgere mich, bin enttäuscht oder genervt. Es gibt Menschen, bei denen ich denke: Das kann doch jetzt wirklich nicht dein Ernst sein.

Aber vieles bleibt heute nicht mehr lange bei mir.

Gerade im Berufsleben merke ich, wie sehr sich das verändert hat.

Ich sitze immer wieder in Besprechungen, in denen unterschiedliche Meinungen aufeinandertreffen. Manchmal wird kontrovers diskutiert und manchmal fragt man sich schon, ob eigentlich alle gerade über dieselbe Sache sprechen.

Früher habe ich manches davon persönlich genommen.

Eine Bemerkung. Eine Reaktion. Die Art, wie jemand argumentiert. Oder die Tatsache, dass etwas, das für mich völlig logisch erschien, für mein Gegenüber offenbar überhaupt nicht logisch war.

Heute kann ich vieles davon stehen lassen.

Mit der Zeit habe ich verstanden, dass Menschen in solchen Situationen unterschiedliche Rollen einnehmen. Jeder sitzt mit einer anderen Aufgabe, einer anderen Perspektive und manchmal auch mit ganz anderen Interessen am Tisch.

Dazu kommt die eigene Geschichte.

Unsere Erfahrungen, unsere Überzeugungen, unsere Erziehung und all die Dinge, die uns über Jahre geprägt haben. Unsere eigenen Konditionierungen.

Mein Gegenüber hält seine Sichtweise vermutlich genauso für richtig, wie ich meine in diesem Moment für richtig halte.

Manchmal hat das Ganze für mich deshalb tatsächlich etwas von einem kleinen Theaterstück.

Jeder kommt auf die Bühne und bringt seine Rolle, seine Geschichte und seine Überzeugungen mit.

Man kennt irgendwann einige der Rollen. Und manchmal ahnt man sogar schon, welcher Satz als Nächstes kommt.

Seit ich das so sehen kann, ärgere ich mich viel weniger.

Ich vertrete meine Position. Ich argumentiere für das, was ich für richtig halte. Und ich höre mir an, was andere dazu zu sagen haben.

Irgendwann ist die Besprechung vorbei.

Dann darf sie für mich auch vorbei sein.

Was machen wir eigentlich mit uns selbst?

Vor einiger Zeit bin ich bei Kurt Tepperwein auf ein ganz einfaches Beispiel gestoßen, bei dem ich sofort dachte: Ja, genau das meine ich.

Du fährst mit dem Auto und jemand bremst dich aus.

Du erschrickst, musst vielleicht stark bremsen und ärgerst dich.

Dann fährst du weiter.

Zu Hause erzählst du davon.

Und während du erzählst, ärgerst du dich wieder.

Später erzählst du es vielleicht noch jemandem und das Gefühl kommt erneut hoch.

Da frage ich mich inzwischen wirklich:

Was machen wir da eigentlich mit uns selbst?

Die Situation ist längst vorbei. Der andere Mensch beschäftigt sich wahrscheinlich überhaupt nicht mehr damit. Und trotzdem lassen wir das Erlebte immer wieder in uns aufleben.

Man könnte dieselbe Geschichte auch so erzählen:

„Heute hat mich jemand richtig ausgebremst. Ich habe mich total erschrocken. Zum Glück habe ich schnell reagiert und es ist nichts passiert.“

Auch das ist wahr.

Und genau dieser Gedanke interessiert mich.

Was passiert, wenn wir immer wieder unseren Ärger erzählen?

Und was passiert, wenn wir anfangen, auch das andere wahrzunehmen?

Die Erleichterung.

Das Glück, das wir vielleicht hatten.

Etwas, das trotz allem gut gegangen ist.

Ich glaube, dass wir uns durch solche Wiederholungen ein Stück weit selbst konditionieren.

Wir üben bestimmte Gedanken, ohne es überhaupt zu merken.

Und je öfter wir einen Gedanken denken, desto vertrauter wird er.

Vielleicht ist das einer der Gründe, warum Gelassenheit für mich heute keine Technik ist, die ich bewusst anwenden muss.

Sie ist mit der Zeit Teil meiner inneren Welt geworden.

Nicht perfekt.

Aber ziemlich oft.

Das leere Boot

Es gibt eine weitere alte Geschichte, die mich schon lange fasziniert.

Sie stammt aus dem Daoismus.

Ein Mann ist mit seinem Boot auf dem Wasser unterwegs. Plötzlich stößt ein anderes Boot gegen seines.

Er wird wütend und will denjenigen zur Rede stellen, der offenbar nicht aufgepasst hat.

Dann sieht er, dass das andere Boot leer ist.

Und sein Ärger verschwindet.

Dabei hat sich an dem, was passiert ist, nichts geändert. Sein Boot wurde gerammt.

Verändert hat sich die Geschichte, die er sich dazu erzählt.

Da ist niemand, dem er Rücksichtslosigkeit oder Absicht unterstellen kann.

Das finde ich spannend.

Wie oft reagieren wir im Alltag auf das, was wir glauben, was ein anderer Mensch gedacht oder beabsichtigt hat?

Wie kann der nur?

Das hat sie doch mit Absicht gemacht.

Was denkt der sich eigentlich?

Dabei wissen wir oft überhaupt nicht, was in diesem Menschen gerade vorgeht.

Jeder Mensch betrachtet eine Situation durch seine eigenen Erfahrungen und Prägungen. Manchmal hat eine Reaktion viel weniger mit uns zu tun, als wir im ersten Moment glauben.

Allein dieser Gedanke nimmt für mich aus vielen Situationen schon unglaublich viel heraus.

Der zweite Pfeil

Auch in der buddhistischen Lehre gibt es ein Bild, das für mich wunderbar zu diesem Thema passt.

Das Bild vom zweiten Pfeil.

Der erste Pfeil ist das, was uns im Leben trifft.

Etwas geht schief. Jemand verletzt uns. Wir erleben eine Enttäuschung oder eine Situation, die weh tut.

Und dann kommt häufig noch etwas dazu.

Wir grübeln.

Wir gehen die Situation immer wieder durch.

Wir überlegen, was wir hätten sagen sollen.

Wir ärgern uns erneut.

Vielleicht erzählen wir die Geschichte immer wieder und erleben dabei jedes Mal einen Teil des ursprünglichen Gefühls noch einmal.

Das ist der zweite Pfeil.

Ich finde dieses Bild so einfach und gleichzeitig so treffend.

Denn vieles von dem, was uns begegnet, können wir nicht verhindern.

Aber ich möchte zumindest bemerken, wenn ich anfange, mir selbst noch weitere Pfeile hinterherzuschießen.

Gelassenheit

Es gibt erstaunlich viele solcher Geschichten aus ganz unterschiedlichen Zeiten und Traditionen.

Und vielleicht sprechen sie mich so an, weil ich darin etwas wiederfinde, das ich selbst über viele Jahre erfahren habe.

Ich habe keinen Einfluss darauf, wie andere Menschen sich verhalten. Und natürlich passieren Dinge, die mich ärgern, enttäuschen oder verletzen.

Aber ich möchte anderen Menschen nicht die Macht darüber geben, wie lange sie damit mein inneres Erleben bestimmen.

Manchmal gelingt das besser und manchmal schlechter.

Trotzdem merke ich, dass sich über die Jahre etwas verändert hat.

Ich nehme vieles weniger persönlich.

Ich kann andere Sichtweisen eher stehen lassen.

Ich muss nicht jedes Verhalten verstehen.

Und ich habe aufgehört, mich über manches immer wieder aufs Neue aufzuregen.

Das empfinde ich als unglaublich befreiend.

Vielleicht ist genau das für mich Gelassenheit.

Ich kann eine klare Meinung haben, widersprechen, mich für etwas einsetzen und Grenzen setzen.

Und irgendwann ist auch gut.

Ich wünschte manchmal, mehr Menschen würden erkennen, wie viel sie sich selbst antun, wenn sie Situationen in Gedanken immer wieder durchleben.

Wie viel Energie das kostet.

Und wie viel Lebenszeit.

Vor allem aber, wie viel Macht wir damit manchmal Menschen geben, die wahrscheinlich überhaupt keine Ahnung davon haben.


Gedanken für dich

  • Gibt es etwas, über das du dich immer wieder ärgerst?
  • Welche Situationen trägst du länger mit dir herum, als sie eigentlich dauern?
  • Gibt es Gespräche, die du in deinem Kopf immer wieder führst?
  • Wie viel Raum möchtest du dem eigentlich noch geben?

Eine kleine Übung

Wenn dich in den nächsten Tagen etwas ärgert, musst du zunächst gar nichts verändern.

Beobachte einfach, was danach passiert.

Kommt die Situation später wieder in deinen Gedanken?

Erzählst du jemandem davon?

Und was passiert mit deinem Gefühl, während du die Geschichte erzählst?

Vielleicht bemerkst du irgendwann den Moment, in dem aus dem, was tatsächlich passiert ist, das wird, was du selbst noch weiter mit dir herumträgst.

Dann kannst du dich fragen:

Möchte ich das eigentlich noch weiter mit mir herumtragen?

Die Antwort muss nicht sofort Nein sein.

Manche Dinge brauchen Zeit.

Manche Erfahrungen beschäftigen uns länger.

Es geht erst einmal nur darum, zu bemerken, was da in uns passiert.


Du möchtest diesen Gedanken nicht nur denken, sondern erfahren?

Zu diesem Gedankenraum entsteht eine Meditation zum Thema Gelassenheit.

Sie wird dich dabei begleiten, Abstand zu dem zu bekommen, was dich gerade beschäftigt, und wahrzunehmen, was du vielleicht nicht länger mit dir herumtragen möchtest.

Die Meditation ist gerade in Vorbereitung.


Zum Schluss

Die Gedanken, die ich heute mit dir geteilt habe, sind keine allgemeingültigen Wahrheiten.

Es sind meine persönlichen Gedanken und Erfahrungen und das, was sich in meinem eigenen Leben über viele Jahre entwickelt hat.

Ich ärgere mich heute weniger.

Ich nehme weniger persönlich.

Und vieles darf einfach wieder gehen.

Das bedeutet nicht, dass mir alles egal ist. Ich kann mich für etwas einsetzen, widersprechen und eine klare Meinung haben.

Und irgendwann ist auch gut.

Ich wünschte manchmal, mehr Menschen würden erkennen, wie viel leichter das Leben werden kann, wenn wir nicht jede schwierige Situation immer wieder in uns lebendig werden lassen.

Für mich ist daraus mit der Zeit etwas entstanden, das ich sehr schätze:

mehr Gelassenheit.

Vielleicht findest du dich darin wieder. Vielleicht machst du ganz andere Erfahrungen.

Genau dafür soll hier Raum sein.

Wie ist das bei dir?

Was hilft dir dabei, Dinge irgendwann auch wieder gehen zu lassen?

Schreib mir gerne deine Gedanken dazu.

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